Ines Wassermann
0381-2016395
ines.musik@web.de

  Rhythmik - Trommeln - Musiktherapie

 

als kreative Medien in der Förderung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen

Referat von Ines Wassermann, Musikpädagogin,
auf der Fachtagung innerhalb des XENOX-Projektes Aufwind / Ohne Barrieren e.V.
zum Thema "Kreative Medien in der interkulturellen Arbeit mit Benachteiligten"
am 19. September 2008 in der Küstenmühle Rostock

 

Musik als kommunikatives und Gemeinschaft förderndes Element in allen Kulturen und Zeitepochen:

Gemeinsam zu singen, zu tanzen und über Instrumente miteinander zu kommunizieren ist ein menschliches Grundbedürfnis, das auf allen Kontinenten und in allen Kulturen zu finden ist. Angefangen beim Wiegenlied für die ganz Kleinen, beim Musikunterricht, bei traditionellen und modernen Tänzen zu verschiedensten Anlässen, bis hin zu großen Konzerten aller Stilrichtungen, um nur einige Beispiele zu nennen, verbindet Musik Menschen im gemeinsamen Tun, auch wenn es vielleicht kein äußerlich sichtbares Instrumentenspiel oder Ttanzen, sondern ein Mitlauschen, innerlich Mitschwingen, Klatschen oder Mitsingen ist.

Anregung zur Selbsterfahrung: Erinnern sie sich an eigene musikalische Erlebnisse und Vorlieben? Welchen Musikstil bevorzugen sie? Lassen sie sich innerlich und äußerlich bewegen durch Musik?

Musik im therapeutischen Prozess (körperliche und emotionale Wirkungen, Vermittlungsebenen in der Therapie):

Besonders stark rhythmische Musik, die von Trommeln und anderen Perkussions-instrumenten ausgeht, wirkt in Form der Schwingungen auf den gesamten Körper.

Anregung zur Selbsterfahrung: Nehmen sie die eigene Körperspannung wahr, erfühlen sie z.B. ihre Arm- und Schultermuskeln mit der Hand, bewegen sie sich leicht und kommen dann wieder in die Stille, um sich an eine ihnen sehr angenehme, möglichst rhythmische Musik zu erinnern. Nehmen sie sich Zeit zum Erinnern und stellen sie sich dabei auch eigene Bewegungen und Tanz vor. Danach erfühlen sie wieder ihre Körperspannung und wie wach, munter und emotional beteiligt sie sich fühlen.
  Starke Anspannung und Überaktivität werden durch die Schwingungswirkung gelöster und erhalten im angeleiteten aktiven Tun einen geschützten Raum, um ausagiert zu werden, bis sich der Wunsch nach Ruhe und Entspannung natürlich und ganz vom Inneren des Menschen her einstellt.
  Gleichermaßen harmonisierend wirken die Schwingungen auf Menschen mit Antriebslosigkeit, Kraftlosigkeit und schwachem Muskeltonuns - alle Körperfunktionen werden durch die Energie der Musik angeregt. Der eigene Körper wird besser erfühlt. Positive Effekte wie Wachheit, Lebenskraft, eine gesunde Körperspannung und eine verstärkte emotionale Beteiligung folgen daraus.

 

Auch die Gestimmtheit der Musik spielt eine Rolle.

Anregung zur Selbsterfahrung: Stellen sie sich vor, ein Lied in Dur, z.B. "Auf du junger Wandersmann" zu singen und wie sie sich dabei bewegen möchten. Dann stellen sie sich ein Lied in Moll, z.B. "O Tannenbaum, du trägst ein grünen Zweig" und welche Bewegungen diese Melodie in ihnen wachruft.
  Klingt Musik in Dur, fordert sie auf zu Aktivität, sie öffnet die Sinne nach außen und strahlt Freude aus.
  Bei schnellen Rhythmen in der Dur-Musik wirkt sie auffordernd zu schnellen und kraftvollen Bewegungen.
  Melodien in Moll wirken nach innen, sie lassen uns in unseren eigenen Körper hinein spüren und zentrierter werden. Nach innen lauschen, das heißt auch, den eigenen Gefühlen und sich selber zugewandt sein. Bewegungen werden sanfter, fließender, zarter und inniger.
  Melodien in Moll kombiniert im ruhigen Rhythmus führen Menschen in Entspannung. Aufgeregte Stimmungen und Streitigkeiten können sich allein durch das Fühlbarwerden der eigene Mitte auflösen. Von seelischem Gleichgewicht und Zentriertheit aus lassen sich Projektionen nach außen leichter erkennen und schlichtende Einsichten stellen sich ein.

 

Die Überkreuzung der Mittellinie beim Trommeln mit beiden Händen stellt bereits eine Koordinationsleistung für Muskeln, das Nervensystem, Gehirn und Verknüpfung der beiden Gehirnhälften dar. Hinzu kommt die asymmetrische Verteilung der Schläge auf rechte und linke Hand bei traditionellen Rhythmen. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Anschlagsarten für die verschiedenen Klangfarben und Tonhöhen.

Anregung zur Selbsterfahrung: Erforschen sie mit ihren Händen auf der Tischplatte unterschiedliche Anschlagsarten. Trommeln sie mit der flachen Hand, mit den Fingerspitzen, als ob sie etwas vom Tisch wischen wollen ... Finden sie heraus, ob unterschiedliche Stellen der Tischplatte, z.B. Mitte und Rand unterschiedliche Tonhöhen beim Anschlagen erzeugen. Spielen sie asymmetrisch mit der rechten und linken Hand, z.B. zweimal rechts und dreimal links ...

Der Faszination von Musik und der Freude daran, ein klanglich schönes Ergebnis gemeinsam mit anderen zu erleben und zu produzieren ist wohl die erstaunliche Tatsache zu verdanken, dass den hohen koordinativen Anforderungen oft selbstmotiviert mit außergewöhnlicher Konzentration und Ausdauer begegnet wird. Dies geschieht nach meiner Erfahrung gerade bei Menschen, von denen es niemand erwartet hätte. Kinder und Jugendliche an Förderschulen, Erwachsene mit sozialen und psychischen Belastungen, Menschen mit geistigen Behinderungen profitieren ebenso wie die so genannt normalen Menschen von der motivierenden und harmonisierenden Wirkung von Musik und stellen sich häufiger spontan und mehr vom Gefühl ausgehend auf neue Rhythmen ein.

Rhythmik - Trommeln - Musiktherapie beinhaltet neben dem mehr oder weniger passiven Aufnehmen gehörter Musik und dem aktiven eigenem Spiel auf Instrumenten auch Bewegung, Tanz und Gesang.

Traditionelle Musik fordert meist zu Aktivität auf, beinhaltet Rhythmus-Begleitung-Gesang-Tanz als Einheit und animiert die Zuhöhrer und Zuschauer zum Mitklatschen, Singen, Schunkeln und auch Tanzen. Die Trennung in aktiv Ausführende und passiv schauend Hörende hat in diesem Bereich nicht so Fuß gefasst, wie in der Kunstmusik.

Wie lässt sich diese Einheit von Rhythmus-Begleitung-Gesang-Tanz vermitteln?
Komplexe Rhythmen, Tanzabläufe und Lieder werden über Nachahmung, Körpererfahrung und Nutzung von anschaulichen Bildern in kleinen Lernschritten vermittelt:
  Der kontinuierliche Grundpuls von Musik wird über die Beobachtung des eigenen Herz- und Atemrhythmus, über Gehen und Schwingen der Arme körperlich erfahrbar.
  Trommelrhythmen mit den verschiedenen Anschlagsarten lassen sich kleinschrittig und mit Vorstellung und Körpergefühl arbeitend auf verschiedenen Einzelebenen erlernen, z.B. Sprechen in Silben, klatschen, mit den Füßen stampfen, mit den Händen in die Luft trommeln, einzelne Anschlagstechniken üben, bevor die komplexe Umsetzung auf der Trommel erfolgt.
  Tanzbewegungen, die zunächst schwierig erscheinen, wenn Hände und Füße unterschiedliche Dinge tun sollen, werden leicht nachvollziehbar durch gute Vorstellungsbilder, z.B. kreuze das rechte Bein vor das linke Bein und umgekehrt, behalte dies fortlaufend bei und mit der rechten Hand stelle dir vor, du schneidest hohes Gras mit einer Sichel.
  Koordination und Zusammenspiel zwischen rechter und linker Gehirnhälfte ebenso wie zwischen rechter und linker Körperseite werden trainiert. Konzentration, Ausdauer, Merkfähigkeit, Kreativität und Phantasie schulen sich und nützen allen späteren Lernprozessen auch.

Schaffung sozialer Lernräume:

Ein sehr wichtiger Aspekt bleibt noch zu beschreiben, das kommunikative Potential gemeinschaftlichen Musizierens. Hier werden vielfältige Abstimmungsprozesse zwischen den Mitwirkenden notwendig.
  Die Musik-Therapie-Stunde wird zu einem sozialen Lernraum, soziale Interaktionen finden statt. Fruchtbare Auseinandersetzungen stärken die Persönlichkeit, das Selbstvertrauen, das Einfühlungs- und Kommunikationsvermögen.
  Musik ist oftmals Ausdruck von Lebensfreude, guter Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Sie kann auch helfen belastende Lebenserfahrungen und starke Gefühle von Trauer, Einsamkeit, Wut und Hoffnungslosigkeit zu überwinden.
  Verständnis und Empathie für andere, vielleicht bisher fremde Lebenswelten und Menschen kann sich entwickeln, wenn weitergehende Fragen gestellt und beantwortet werden, wie z.B. Wo und wie leben die Menschen, deren Tänze, Lieder und Rhythmen wir gerade lernen? Wie lebten sie früher? Wie leben sie heute? Was bedeuten die einzelnen Tanzschritte? Was wollen die Liedtexte aussagen? Leben Menschen aus diesem Kulturkreis auch in unserer Stadt? Wie leben sie hier bei uns? Läßt sich ein direktes Gespräch organisieren?
Welche Fragen würdet ihr stellen?
  Basisfähigkeiten für erfolgreiches Lernen werden trainiert:

Neben dem wichtigen Einüben sozialer kommunikativer Fähigkeiten innerhalb der eigenen Gruppe, was auch die Fähigkeit zur Einfühlung in die Vorstellungen und Wünsche Anderer beinhaltet, werden auch Empathie und Toleranz für den Fernbereich einer anderen Kultur/ Musikkultur entwickelt. Im günstigsten Fall findet ein direkter Austausch mit einem hier lebenden Gast aus einem anderen Kulturkreis statt, der die fremde Welt nahe bringt, Berührungsängste abbaut und auch Gemeinsamkeiten finden lässt.

Rhythmik - Trommeln - Musiktherapie trainiert darüber hinaus Basisfähigkeiten für erfolgreiches Lernen wie Koordination Kopf-Hand, Koordination und Gleichgewicht, Fein- und Grobmotorik, spielerisches Erfassen komplexer Abläufe, Merkfähigkeit, Konzentration, Leise- und Laut- Sein im richtigen Moment, Regulation von Körperspannung, fließende Bewegungen ... Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Speziell bei Lese- und Rechtschreibschwäche:
  Die Verknüpfung beider Gehirnhalften wird stimuliert und die Kopf-Hand-Koordination in fließende Bewegung gebracht.
  Durch ein verbessertes Rhythmusgefühl und gestärktes Selbstvertrauen kann sich auch der Lesefluss und die innere Motivation, Schwierigkeiten selbstaktiv zu begegnen, signifikant verbessern.
  Die notwendige Hand-Hand Koordination beim Trommeln fördert Fähigkeiten, die ebenso für eine fließend koordinierte Schreibbewegung gebraucht werden.
  Das räumliche Vorstellungsvermögen wird durch die körperlich erfahrenen Raumwege beim Anschlag hoher und tiefer Trommeltöne und auch bei den Tanzbewegungen trainiert. Trommelschläge und Tanzbewegungen erfolgen linear einer/eine nach dem anderen/der anderen und unterstützen die Ausbildung von Gehirnstrukturen, die es ermöglichen die lineare Abfolge der Buchstaben beim Lesen zu erfassen.
  Speziell bei Mathematikschwäche:
  Die Ausbildung neuer Verzweigungen in rechter und linker Gehirnhälfte und neuer Verknüpfungen beider Gehirnhälften wirkt sich auch hier förderlich aus, da erwiesenermaßen die drei Zentren für Mathematik in beiden Gehirnhälften verteilt sind und diese von den mehr zur Verfügung stehenden Verzweigungen und Verknüpfungen auch profitieren.
  Die körperliche Erfahrung von Raumwegen unterstüzt und fördert die geometrische Vorstellungskraft.
zurück  
 

(c) 2011 Ines Wassermann, Rostock

Impressum